Unterwegs: Trips & Travels

Walkabout in den Blue Mountains:
Unterwegs mit Evan Yanna Muru

Evan Yanna Muru © Jungehülsing

In Evan Yanna Murus Nasenlöchern stecken grüne  Eukalyptusblätter. Das sieht seltsam aus, riecht aber gut. Die fünf Leute, die dem jungen Mann zuhören, haben ebenfalls Nasenstöpsel aus frischem Laub, er fällt also nicht weiter auf. Evan sitzt auf einem flachen Stein und erzählt von den Bergen und dem Bach und den Bäumen, die ihnen in den nächsten Stunden begegnen werden. Einer Tradition seiner Vorfahren ,der australischen Aborigines folgend, macht sich die Gruppe auf zum “Walkabout”, einer Wanderung, die ihren Kontakt zur Landschaft und Natur vertiefen und zugleich an die Vergangenheit erinnern will. Sie folgen einer sogenannten “Songline”, einer Linie, die sie in Evans Mythologie wie ein “gedanklicher Pfad” durch die Berge geleiten wird. Alle Sinne will Evan unterwegs schärfen – eine Weile den kräftigen Duft des Eukalyptus einzuatmen könne daher zum Auftakt nie schaden.

Yanna Muru spricht über die Regenbogenschlange, die Verkörperung schierer Energie, die Land und Wasser schuf, über alte Bräuche und seine Vorfahren, die Darug. Dann erklärt er das ‘Dreaming’, jene Vorstellung der Aborigines seiner Region, nach der Gestern und Heute und Morgen eins sind und nach der Menschen, Tiere und Land ein und den selben “spirit” teilen. Einfache Kost ist das nicht, aber Evan ist geduldig, seine Zuhörer lauschen konzentriert und nicken. Es ist still, über der kleinen Wandergruppe rauscht Wind in hohen Papierrindenbäumen, irgendwo plätschert Wasser, ein Raubvogel schlägt mit den Flügeln. Die meisten haben längst vergessen, dass die Bahnlinie nach Sydney nur knapp einen Kilometer von hier entfernt ist. Ihr Blue Mountains Walkabout, ihre Reise auf der Songline, hat gerade erst begonnen, doch Alltag und Zivilisation sind schon wunderbar weit weg. Leise steigt die Gruppe hinab in eines der vielen Täler der Blue Mountains, die schluchtenreichen Blauen Berge westlich von Sydney. Ihren Namen verdanken sie jenem Gewächs, das anfangs in den Nasen der Wanderer duftete: Den ätherische Öle verströmenden Eukalyptusbäumen, die die Luft aus der Ferne bläulich wirken läßt.

Evan klettert voran auf einem Trampelpfad, den ohne ihn niemand sehen würde. Er stapft durch Dickicht und über Felsbrocken, rasch und mit leichtem, sicherem Schritt. Es gibt weder Schilder noch Richtungspfeile, nur er selbst kennt den Weg. Die Wanderer berühren Baumstämme, weichen Spinnennetzen aus, springen über kleine Wasserläufe. Vor einem Haufen grauer Steine hält Evan an. Wenig später sehen alle weshalb: Vor ihren Füßen sind die Umrisse eines großen Kängurus in den Fels geritzt, eine uralte Markierung, versteckt im Unterholz. Guter Anlass für eine kurze Rast, für mehr Geschichten von dem jungen Führer, der in den Blue Mountains aufwuchs und dann in den 300 Kilometer weiter südlich liegenden Snowy Mountains lebte, eher er zurück zu seinen Wurzeln zog. Erst als Ranger und Gutachter, später um Gäste auf seine “Walkabouts” mitzunehmen. Als Kind habe ihm sein Vater die “Dreamtime”-Geschichten vor dem Einschlafen erzählt: überlieferte Legenden der Ureinwohner, die von der Schöpfung der Erde durch Vorfahren und Geister handeln. Heute verschlinge er Stories über jene “Taumzeit” selbst, und höre anderen zu, die wie er die alte Kultur lebendig erhalten wollen.

Walkabout, Billabong © J. Jungehülsing

Einblicke in dieses komplexe Gefüge aus Glauben und Wissen, Abenteuern und Ritualen gibt Evan unterwegs an seine Gruppe weiter: Er erzählt von Speerwerfen und Feuer, Zeremonien und ihren Bedeutungen. Mal geschieht das ernst wie beim Stopp an einem ehrfurchtgebietenden Felsüberhang, mal eher spielerisch wie beim Malen mit Ocker und Kalk am Wasserfall. Dann wieder herrscht während des “Walkabouts” lange Stille. Die Wanderer konzentrieren sich auf den unebenen Untergrund, auf Wurzeln und Stolpersteine. Beim Gehen haben sie Zeit, Evans Geschichten auf sich wirken zu lassen, nachzudenken, dem Wald und seinen Geräuschen zu lauschen.

“Ich bin Aborigine der fünften Generation”, ulkt Evan später beim Abschiedsgetränk im Pub. Eine Anspielung auf die “white fellas”,  die gern stolz erzählen, wie lange ihre Familie schon in Australien leben und dass sie “6th generation Australian” seien. Evan, der “fifth generation Aborigine”, hat ebenso helle Haut wie sie. Seit fünf Generationen haben sich seine Vorfahren mit Weißen vermischt. Nicht mal schwarze Haare verraten seine Herkunft. Er hätte nichts dagegen, dunkler zu sein, sagt Evan lakonisch, andererseits sei schon okay, dass er aussieht wie viele seiner Gäste. “Es geht ja nicht um schwarz oder weiß, und erst recht nicht um mich”, Evan schüttelt energisch den Kopf. Über sich selbst redet er eher ungern. Ihm sei nur wichtig, die Botschaft des Busches zu vermitteln, die Kultur von einst: “Ich helfe anderen Leuten – welcher Hautfarbe auch immer – zu hören und zu sehen, was die Natur ihnen zu sagen hat. Mehr nicht. Aber manchmal gelingt es.”

INFO: Evan Yanna Murus “Blue Mountains Walkabout” Tour ist eine ganztägige Wanderung durch die Berge, der um 10 Uhr an der Bahnstation Faulconbridge beginnt (Blue Mountains Line, 1 Std. westlich von Sydney Central). Gäste bringen ihre eigene Verpflegung mit. Der Weg kann rutschig sein und ist zuweilen steil, Teilnehmer sollten daher ein gutes Level an Fitness haben. Im Vordergrund des Ausflugs steht aber nicht die sportliche Leistung des Bergwanderns, sondern die spirituelle Erfahrung und das Ziel, mehr über die Kultur der Aborigines zu vermitteln. 95 AUS $, Tel. 0061 408 443 822 www.bluemountainswalkabout.com

Zuerst veröffentlicht in Geo Saison 11/2007

©      Julica Jungehülsing

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