Julica in Bondi

Bondi Beach Stories – Lesen & Entdecken

Queenstown: Von Fliegern und Kletterern

„Wirklich wichtig sind nur Leben und Tod“

Der Windmesser flattert, ein gelber Stoffwimpel vor kobaltblauem Himmel. Er dreht sich um 180 Grad und trudelt unschlüssig. “Böen im Nacken, nicht ideal”, sagt Chuck und sucht mit habichtscharfen blauen Augen den Horizont ab. Als verstecke sich irgendwo hinter den scharfzackigen Gipfeln von Neuseelands Südinsel die richtige Brise. Oder wenigstens eine winzige thermische Wolke. “Fliegen ist ein Traum”, strahlt John Berry, den jeder hier Chuck nennt.

jj over Queenstown © Dominic Eller

jj over Queenstown © Dominic Eller

“Aber Träume muss man leben, nur so kann man Grenzen überschreiten.” Genau das macht der Blondschopf seit 20 Jahren immerzu: 4000 Mal ist er im freien Fall aus Flugzeugen gesprungen, per Gleitschirm und Drachen hat er nicht nur die Stadt Queenstown tief unter uns hundertfach umkreist. Ein Tag, an dem er nicht in die Luft kann, ist für ihn nicht perfekt. Doch in ein Windloch springt er deshalb noch lange nicht. “Wirklich wichtig sind nur Leben und Tod”, sagt der 39jährige, der weiß, wovon er spricht. 1997 brach er sich auf dem Motorrad das Genick. Seither hat er diverse Schrauben im Nacken und zieht die Luft dem Boden vor. “Sanfter für den Körper und besser für den Geist”, grinst er mit Schalk in jeder Lachfalte, und hält plötzlich inne. Der Wind frischt auf, er greift die Stangen seines Drachens fester. Es ist eine Stunde vor Sonnenuntergang, heute die letzte Chance für einen Ausflug. Die “Remarkables”, eine Bergkette, die ihren Namen bemerkenswert steilen Hängen verdankt, leuchtet im Abendlicht. Irgendwo blöken Schafe. Chuck läuft los und hebt ab. “See you later!” Er wackelt mit den Flügeln und zieht in weitem Bogen davon.

Fliegen, an Seilen von Brücken springen, durch Wasserfälle rutschen und in Gischtfontänen über Flüsse jagen, durch Stromschnellen paddeln, schwarze Pisten fahren und Serpentinen radeln: In und um Queenstown ist fast alles schnell, steil oder gefährlich – Extrem, und auch wieder nicht, denn radikal ist hier fast normal. Kaum einer, der sich in Neuseelands Abenteuer-Hauptstadt nicht die tägliche Extra-Dosis Aufregung gönnt. Privat, als Ferienspaß und professionell. Jetboote jagen schon seit den 60er Jahren durch die gigantischen Schluchten des Shotover Flusses, 1988 fand 43 Meter über dem türkis leuchtenden Kawarau der erste kommerzielle Bungy-Sprung der Welt statt. Wenig später taufte sich Queenstown “Adrenaline Capital”. Mit Folgen: Gut 10 000 Einwohner versorgen inzwischen weit über eine Million Besucher im Jahr mit mehr als 150 Attraktionen, die das Herz rasen lassen. Angst haben, Grenzen testen, Loslassen. Im schnellsten Boot, oder an Neuseelands längstem Bungy-Seil. Einen Kick sucht und bucht fast jeder, der herkommt. Noch in den 90ern waren das vor allem Rucksacktouristen, ebenso abenteuerhungrig wie durstig. Doch das “Bier-Bungy-Backpacker”-Image der Boomtown am Lake Wakatipu ist längst überholt.

„Fast jeder glaubt, etwas geschafft zu haben“

“Die Stadt hat sich weiter entwickelt und das zu ihrem Besten”, findet Henry van Asch, der vor 18 Jahren mit AJ Hackett die erste von inzwischen vier Bungy-Anlagen Neuseelands erfand und bis heute besitzt. “30 000 springen alleine von hier pro Jahr”, sagt der Mittvierziger und schaut rüber zur hölzernen Kawarau-Brücke. “Und fast jeder geht mit dem positiven Gefühl heim, etwas geschafft zu haben. Das ist doch großartig”, meint van Asch, der als Gummiseil-Pionier zum Millionär wurde. Neuerdings kultiviert er auf den Hügeln in Bungy-Land Wein. Ein historisches Farmhaus hat er zum feinen Lunchlokal restauriert und liegt auch damit wieder im Trend. Nirgends in Neuseeland gibt es eine so hohe Dichte an vorzüglichen Restaurants und eleganten Quartieren wie in und um Queenstown. Nirgends ist ein Macchiato teurer als am Ufer der Kleinstadt mit Blick auf den funkelnden See vor schneeweißen Gipfeln.

Doch das Spiel mit Rausch und Risiko ist kein Marketing-Trick. Die Menschen, die hier leben sind seit jeher Experten für Extreme, süchtig nach Adrenalin oder unterwegs zu Zielen, die höher, weiter oder schneller sind. Sich zurückzulehnen und glasklaren Flußläufe vor imposanter Bergkulisse zu bewundern ist nicht ihr Ding. “Alpine Landschaften wie diese haben immer Abenteurer angezogen”, sagt Chuck Berry und packt seinen Drachen zusammen. Er ist elegant auf einer Wiese gelandet, den Nachbaracker vermeidend, in dem hufschlagend zwei Ziegenböcke kämpfen. Der Flieger hat recht: Als die Maoris kostbarem Grünstein zuliebe über die Pässe kletterten, war das fürwahr ein Abenteuer. Auch die ersten weißen Siedler, Schafzüchter, die 1856 ihre Suche nach Weideland herbrachte, nahmen in der einsamen Bergwelt extreme Bedingungen in Kauf. Wenig später kamen Goldgräber und machten die abgelegene Hirtensiedlung zu einem Magnet für nicht minder hart gesottene Glückritter. “Noch heute gibt es hier einfach mehr Leute, denen “normal” nicht genügt, die immer einen Schritt weiter wollen”, glaubt der einstige Flugzeugingenieur Berry, der vor zwölf Jahren für ein Wochenende aus Christchurch kam und blieb. Schuld daran sei auch die Landschaft sagt er und blickt auf die schroffen Zweitausender rundum, die rasant in den lang gestreckten, zickzackförmigen See stürzen. Wilde Natur fordere zu Besonderem heraus. Ihn selbst zu immer neuen Sprüngen, Flügen und Ideen, zur absoluten Konzentration auf das Leben im Augenblick.

“Das Aufregendste ist nicht das Risiko”, stimmen zwei Kletterer zu, die ich ein Tal weiter nördlich treffen. “Wichtiger ist, dass jede Entscheidung zählt, ständig alle Sinne zu 100 Prozent wach sind.”

Cadrona Pass, Südinsel NZ © J. Jungehülsing

Cadrona Pass, Südinsel NZ © J. Jungehülsing

Über den Cardrona Pass, die höchste asphaltierte Straße in diesem Teil der Südhalbkugel, habe ich Queenstowns Nachbarstadt Wanaka erreicht. Der Ort am Rand des Mount Aspiring Nationalparks liegt wenigstens ebenso hübsch zwischen Bergen and einem ebenso klaren See, ist aber weniger turbulent. Die Straßen säumen mehr Kletter-Ausstatter als Supermärkte, hier haben eine renommierte Bergführerschule und nicht zufällig auch die für Vier- bis Achttausender-Expeditionen legendären “Adventure Consultants” ihren Sitz. Einsamkeit, zerklüftete Hänge, fast kitschig blaue Bergseen – Die ideale Szenerie für Menschen ohne Höhenangst.

„Wichtig ist, dass alle Sinne zu 100 Prozent wach sind“

An Wanakas “Sunny Side” verbringt Gletscher-Führer Gavin Lang seinen freien Tag. Die Schieferwand hat einen beachtlichem Überhang, der für Gavin jedoch mehr Spass als hartes Training ist. Eidechsengleich zieht er sich an kaum sichtbaren Vorsprüngen hoch, steigt, sichert, steigt, seilt sich ab, springt auf den Boden und lacht: “Je schneller Du bist, um so weniger Kraft verschwendest Du.” Sein Kletter-Buddy braucht diese Belehrung kaum. Das Ende des Seils sichert Lydia Bradey, die erste Frau, die den Mount Everest ohne Sauerstoff erklommen hat. Gavin hat sie zwischen Teminen und Umzug zu einem Kletternachmittag überredet. “Das macht den Kopf frei, und Übung kann nie schaden.” Mit 44 Jahren ist Lydia keineswegs im Ruhestand. Ihr nächstes Projekt sind fünf Achttausender in Folge. “Beim Bergsteigen ist es wie beim Fliegen. Alles hat eine Bedeutung, jede Kleinigkeit ist wichtig”, beschreibt die Sportlerin ihre Faszination an extremen Lagen. Sie zieht eine Mütze über den Kopf, die wie ein Teewärmer aussieht. “Die Teemütze”, lacht sie “brauch’ ich heute, weil ich friere. Im Himalaya ist ähnliches entscheidend, nur mit mehr Konsequenzen: Trockne ich meine Schuhe nicht, hole ich mir am nächsten Tag Frostbeulen. Esse ich nicht gut, werde ich krank. Das hat mit Überleben zu tun. Dort jedenfalls.”

Tief unter ihr zockelt eine Schafherde über die enge Straße, am Ende des Tals schiebt sich für einen Moment der weiße Gipfel des Mount Aspiring durch die Wolken. Ein langer Sonnestrahl funkelt im See. “In der Natur sein”, sagt Lydia Bradey “die klare Einfachheit des Lebens hier draußen mit allen Herausforderungen – Das treibt uns immer wieder raus.” Die qualifizierte Bergführerin kennt Südamerika und Nepal so gut wie die Gipfel Europas. Lake Wanaka bleibt für sie dennoch ein Favorit. Auch weil so viele Gleichgesinnte hier leben. Es inspiriert, findet sie, wenn fast Jeder im Ort etwas Besonderes macht.

“Die Kiwis sind das Gegenteil der Amerikaner”, ulkt KJ, ein Kalifornier mit vollem Namen Jennings und Wahlheimat in Glenorchy. “Sie reden weniger und machen dafür mehr.” KJ hat vor 20 Jahren mit van Asch die erste Bungy-Anlage gebaut, heute ist er Tausendsassa der Tourismusindustrie und veranstaltet nebenbei ein Mountainbike-Rennen. Start und Ziel ist Glenorchy, ein Drei-Straßen-Dorf umgeben vom verwunschensten Fleck Mittelerde aus dem “Herrn der Ringe”. Anderswo in Neuseeland wäre Glenorchy ein verschlafenes Nest.

Glenorchy, verstecktes Tal © Julica Jungehülsing

Glenorchy, verstecktes Tal © Julica Jungehülsing

Hier, am Nordzipfel des Lake Wakatipu sprudelt selbst das einzige Café vor Energie. Nach zehn Minuten vor extrastarkem Espresso kenne ich außer Ex-Bungy-Jumpmaster KJ und zwei Jetbootfahrern auch Gordon Watson, 32, einen drahtigen Jungstyp mit Shorts und Fernweh in den Augen. Gordie ist in Glenorchy geboren, acht Kilometer entfernt von einer Siedlung, die “Paradise”, heißt an der kilometerbreiten Mündung des Dart Rivers. Auch er ist Bergsteiger, allerdings läßt er es “inzwischen ruhiger angehen”. Vor allem seit seine Tochter Paradise, 3, auf der Welt ist, und sein Sohn, Dart. Und seit ein paar Freunde in Lawinen umgekommen sind. “Ruhiger” heißt für Gordie: weniger extremes Klettern. Statt dessen trainiert er für knochenharte “Adventure Races”, plant mit KJ Radralleys, ist Skiführer und hat nebenbei ein Canyoning-Unternehmen.

“Klar ist es gut, so Geld zu verdienen”, nickt er eifrig. “Aber wenn mitten in der grünen Wildnis des Routeburn jemand zu mir sagt: ‘Das hier ist schöner als alles, was ich je gesehen habe’, dann gibt mir das mehr, als das Geld auf dem Konto.” Wenn er Ruhe braucht, erzählt er beim zweiten Kaffee, fliegt er Gleitschirm, am liebsten vom Mount Earnslaw. Stimmt der Wind, kann er von dort gut für ein paar Stunden segeln. Dass er zu Pferd auf einen Dreitausender reitet, oben den Schirm auspackt und dann stundenlang talwärts fliegt, findet Familienvater Watson, nicht sonderlich spektakulär. KJ schüttelt den Kopf: Kiwis, ich sag’s ja! Gordie zuckt mit den Schultern. “Wenn du echte Action willst”, sagt er, “fahr nach Kingston.”

In Kingston sehe ich als erstes Chuck, oder besser: ein knallrotes Ultraleichtflugzeug, mit dem Vogelmensch Berry Schlaufen in den Himmel malt. Der Ort am Südende des Lake Wakatipu war früher Verkehrsknotenpunkt. Hier traf das Dampfschiff aus Queenstown die Eisenbahn, bis 1936 die einzige Verbindung nach Invercargill, die südlichste Stadt des Festlandes. Seit Dampfer und Lok nurmehr zum Spaß fahren, ist es still geworden in Kingston. An diesem Wochenende allerdings flirrt die Luft über dem verstreuten Häufchen bunter Holzhäuser. Ein Hubschrauber dröhnt, es regnet Gleitschirme in allen Farben des Regenbogens.

Kingston, Neuseeland © J. Jungehülsing

Kingston, Neuseeland © J. Jungehülsing

Zum “Acro Fest”, einem Wettstreit akrobatischer Paraglider, sind all die angereist, denen beschaulich bergab nicht genügt. “Je schneller Du fliegst”, erklärt Dominic Eller, Organisator des Treffens, “um so präziser sind die Manöver.” Ein Helikopter bringt die Piloten auf einen Hang, 1000 Meter über dem Ort. Von dort jagen sie Kapriolen schlagend gen Boden: Überkopf, taumelnd, sich in Seitwärts-Spiralen um die eigene Achse drehend. “Pass auf, da kommt Jimmy”, ruft Dominic. Jury und Zuschauer am Ufer halten den Atem an. Der Pilot rast in rasanter Kurve auf sie zu, im Schirm pfeifft der Wind, knapp über dem See berührt er das Wasser mit der linken Hand. Die Menge johlt. Er zieht die Knie an, steigt wieder auf und plumpst noch immer nicht in den See. Präzise landet er auf einem Ponton, oder besser: drei umgedrehten Schlauchbooten. Extra-Applaus, ein glückliches “Yeah” des Piloten.

Am Tag zuvor war Jimmy Truelove unsanfter gelandet. Bei einem schwierigen Manöver verdrehten sich die Schnüre, er musste den Reserveschirm ziehen und bremste im kaum 10 Grad kalten See. “Besser nass als …”, kommentiert der Pilot, der vor sieben Jahren aus Europa nach Queenstown zog. “Weil man hier freier fliegen kann als irgendwo sonst auf der Welt.” Wie viele der Akrobaten arbeitet er an Queenstowns Gondel als Tandempilot und infiziert Touristen mit dem Schwebe-Virus. “Ein guter Job”, findet er. “Wird der Wind zu stark, ist da ja immer noch der See – zum Kitesurfen.”

Kurz darauf klopft er am Strand dem wie üblich strahlenden Chuck Berry auf die Schulter: “Hey, du lebst ja immer noch!” Neuseelands Rock’n Roll Star der Luft, kennt in der Gegend jeder, und er selbst hat garantiert fast jeden mal gesehen – wenigstens von oben. Nach der Schau im Ultraleichtflieger wollte er den Traumtag am See noch perfekter machen und eine Runde im Drachen drehen. Aber der Wind ist eingeschlafen, die Flugmaschine wieder auf dem Autodach verstaut. ”Macht nichts”, lacht er und fasst sich kurz in den Nacken. “Besser morgen wieder als heute zum letzten Mal.”     von Julica Jungehülsing © BMW Magazin 4/06

Ps: Ich habe über den Trip einen Mini-Film gedreht, meinen ersten… Ansehen kann man ihn auf der Webseite des BMW-Magazins, für die ich die Recherche für diese Geschichte 2006 gemacht habe.

Nachwort:

Während jeder Reportage lerne ich Menschen kennen, die mir im „normalen Leben“ vermutlich nie begegnet wären. Das ist mit das Schönste an meinem Job. Manchmal begegnen einem Leute, die man richtig ins Herz schließt. Während der Queenstown-Story waren das für mich die Flieger vom Acro Fest, die Paraglider, die mich unbedingt in die Luft nehmen wollten (und am Ende schafften…). Jimmy Truelove, 37, der in meiner Geschichte vorkommt, war einer von denen, der mich am meisten mit seiner unbeschwerten Begeisterung und Herzlichkeit beeindruckte. Nur wenige Monate nach meiner Neuseeland-Reise erfuhr ich von Jimmys Tod. Er war bei einem Flug-Festival gemeinsam mit seinem Vater Owen, 69, in der Nähe von Omarama abgestürzt. Jimmys Vater, ein erfahrener Royal Air Force Pilot, hatte in dem Gleiter 2004 schon die historische Strecke von England nach Neuseeland zurückgelegt. Ihr tödlicher Absturz ereignete sich im November vor zwei Jahren.

Jimmy möchte ich diese Geschichte widmen.

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