Julica in Bondi

Bondi Beach Stories – Lesen & Entdecken

Rottnest Island – Quokkas, Karzer und Ferienidyll

rottnestlighthouseWadjemup – “Ort jenseits des Wassers” – nannten die Aborigines Rottnest lange Zeit poetisch. Bald nach Ankunft weißer Siedler jedoch wurde die Insel nahe Perth für Australiens Ureinwohner zu einem Ort der Bedrohung: Ab 1839 war sie fast 60 Jahre ein Gefängnis für männliche Aborigines. Ein grimmiges Stück Geschichte, das bis heute gegenwärtig ist auf der kleinen Insel.

Der Kontrast zwischen Gestern und Heute ist eigentümlich, vielleicht vor allem deshalb, weil das Eiland sonst mit schwer zu überbietender Ferien-Idylle lockt: Türkis glitzernde Buchten mit Bilderbuch-Sandstränden umranden die grüne Insel, die gleichzeitig ein zaunloses Gehege für Quokkas ist. Diese putzigen Beuteltiere gibt es so zahm und so zahlreich nur noch hier: An die 10 000 der knapp katzengroßen Nager huschen tagsüber und vor allem nachts über die elf Kilometer lange und höchstens halb so breite Insel.

quokka“Quokka-Island” könnte jenes Wadjemup daher ebenfalls heißen, aber da es Holländer waren, die die Vierbeiner dort zuerst sahen wurde es zum ‘Rotte-Nest’. Ein Rattennest nämlich glaubte Kapitän Willem de Vlamingh vor sich zu haben als er 1696 dort landete. Es wimmele dort geradezu vor den grau-braunen Nagern, glaubte der holländische Kapitän der “Geelvink” und drehte ab.

Der Name jedoch blieb und die Quokkas ebenso. Sie knabbern zwischen den Tischen im Garten der einzigen Kneipe an Pommes Frittes, die ihnen nicht bekommen, nagen im grünen Buschland an den deutlich gesünderen gelb blühenden Akazien und hüpfen in bester Beuteltiermanier durch den Vorgarten des einstigen Ureinwohner-Gefängnisses. Denn das steht bis heute, nur schlafen in den einstigen Zellen mittlerweile die zahlende Gäste der charmanten Rottnest Lodge.

Sie mauerten ihr eigenes  Gefängnis

Für oft geringfügige Vergehen wurden die Aborigine-Männer seinerzeit aus der ganzen Kolonie Westaustraliens hier hergeschafft: weil sie nicht zur Farmarbeit erschienen waren oder Essen gestohlen hatten. Insgesamt war Rottnest im Laufe der Jahre Station für über 3700 männliche Ureinwohner. 1904, so erinnert eine Tafel vor dem in hellem Ocker gestrichenen Gebäude wurde das Gefängnis geschlossen. Jeder zehnte Insasse hatte den Aufenthalt nicht überlebt. Zum Verhängnis wurden den Männern Krankheiten, Entwurzelung von ihren Heimatregionen und schwere Arbeit: Den hübschen Leuchtturm, eine massive Hafenmole und selbst die Wände ihrer Zellen mussten die Insassen selbst mauern: Rund um einen achteckigen Gefängnishof errichteten sie die “Quod”, heute die spartanischste und preiswerteste Unterkunft-Variante der Lodge.

Die Stimmung im Innenhof ist friedlich, wie fast überall auf der Insel, nur ein paar rosagraue Galah-Papageien schwatzen vor den umlaufenden Veranden. Der gleiche “Karzer” diente im ersten Weltkrieg als Internierungslager für Österreicher und Deutsche. Heute ist dieser geschichtsträchtige Quod-Bereich des Hotels denkmalgeschützt, aber ich bin trotzdem froh über mein Zimmer im neueren Flügel: Der “Premium Lakeside Suite” haftet zwar kein Flair der laut Tourismusbroschüre “faszinierenden Insel-Vergangenheit” an, doch mir ist in diesem Moment mein Ausblick lieber als Historie. Durch raumhohe Schiebetüren sehe ich auf den Garden Lake, einen der zwölf Seen der Insel, die früher Westaustraliens gesamten Salzbedarf deckten.

fishyDiese Seen sind sechsmal so salzig wie der Indische Ozean rundum, der zum schwimmen daher deutlich attraktiver ist. Schwierig ist nur die Qual der Wahl: Rottnest hat 63 Strände verteilt auf 20 Buchten. Zwar ist die Insel nur elf Kilometer lang, doch die kleinen Straßen führen nicht gerade in Luftlinie über das hügelige Naturparadies. Für mich treffen Uhrzeit, Windrichtung und Muskelkraft die Entscheidung. Die Insel ist autofrei, nur Polizei und Müllabfuhr und ein Besucher-Bus sind motorisiert, folglich fährt fast jeder begeistert Rad, eine Rarität in Australien. Hügelauf und -ab strample ich durch das nach wildem Rosmarin und Minze duftende Buschland und schaffe es gerade mal bis Little Salmon Bay. Nicht sehr weit, doch die geschützte Bucht ist wunderbar per Schnorchel und Taucherbrille zu erkunden: Lehrtafeln unter Wasser erklären die maritime Landschaft, warme Strömungen lassen bunte Tropenfische vorbeiziehen, von denen es hier um die 300 Arten geben soll, ein paar Korallen und Seesterne blitzen in dem fast unwirklich klaren Wasser. seaeagle rotto

Am anderen Morgen umrunde ich die Insel in gut 90 Minuten in einem Schnellboot, das eigenwilliger Weise “Eco Cruise” heißt. Wenig ökologisch rast es los, wird dann aber an den richtigen Stellen zum Glück wunderbar langsam: In der “Fish Hook Bay” verfolgen wir atemlos wie ein riesiger Fischadler vor seinem Nest landet. Sturmtaucher jagen nach für uns unsichtbarer Beute, und vor den schroffen Felsen der “Cathedral Rocks” erholt sich eine Robbenfamilie vom nächtlichen Fischfang. Lässig dümpeln die Säuger rücklings in der Bucht, nur Schnauze, Barthaare und Flossen ragen aus dem glitzernden Wasser. Ein grandioser Anblick. Von den 13 Schiffswracks, die die Insel umgeben entdecken wir nichts – durchaus aber die bei Sonnenwetter im klaren Ozean gut sichtbaren Riffs, die ihnen zum Verhängnis wurden.

Bausündenfrei und entspannend

Nur 24 Kilometer Indischen Ozeans trennen Rottnest von Perth. “Jenseits des Wassers” tauchen hin und wieder die Hochhäuser von Australiens abgelegenster Metropole vor uns auf, zugleich scheinen Welten zwischen der Großstadt und der beschaulichen Insel zu liegen. Alle Gebäude auf Rottnest sind niedrig und beige oder ockergelb gestrichen. Abgesehen davon gibt es nur drei Farben: Das Blau des Himmels, das Türkis des Wassers und das Grün der nach Kräutern und Zitrone duftenden Eukalyptusbäume und Büsche. Vielleicht ist das mit ein Grund warum Rottnest so entspannend wirkt: Alles ist einheitlich und unaufgeregt, Bausünden, die anderswo oft die australische Festlandküste verschandeln fehlen. Die mit Abstand malerischste Gasse am Ufer ist Vincent Way, eine der ältesten Straße der Siedlung, die schlicht “Settlement” heißt und ebenfalls von Aborigines mitgebaut wurde. Selbst die Shopping-Zeile ist auf “Rotto” wie die Perther ihre nähste Insel liebevoll nennen nicht hässlich. Vielleicht auch weil es statt Parkplätzen nur Fahrradständer gibt…

rotto hauptstraßeHat die letzte Fähre die Tagesgäste vor Sonnenuntergang wieder zum Festland gebracht, gehört das Eiland Quokkas, Personal und jenen, die einen Übernachtungsplatz ergattert haben. Was zur Hochsaison im wahrsten Wortsinn ein Glücksspiel ist, denn auf Rottnest gibt keinen Privatbesitz, alle alten Gebäude und neueren Ferienhäuser werden von der Gemeinde verwaltet. Zur Hauptferienzeit entscheidet eine Lotterie, wer eine und wenn ja welche Unterkunft bekommt. Ausgenommen davon sind nur die Lodge und ein Hotel, die schlicht im Voraus gebucht werden müssen. Das “Kein-Eigentum”-Prinzip ist auch der Grund dafür, dass Rottnests “dienstältester” Einwohner der Priester ist: Monsignor Sean O’Shea lebt seit über 30 Jahren auf der Insel und betreut im Wechsel Kapelle und katholische Kirche. rottochurchDas macht ihn zur echten Ausnahme. Denn selbst Ranger, Kellner, Krankenschwester und andere, die die Insel in Betrieb halten, bleiben selten lange hier. Die meisten quartieren sich nur für ein paar Monate oder ein Jahr in den schlichten Hütten zwischen den dickbauchigen Feigenbäumen ein und ziehen dann weiter.

Die einzigen echten und alteingesessenen Insulaner sind und bleiben daher die Quokkas, die sich mangels natürlicher Feinde hier prächtig ausbreiten, angesichts der Trockenheit der Insel zugleich nicht zur Plage werden.

Beschaulich und träge hoppeln die Nager vor meiner Terrasse über den Rasen zwischen Lodge und Seeufer, sie knabbern an Piniennadeln und kleinen Büschen, strecken hin und wieder ihre spitzen Nasen in den Abendbrise. Die untergehende Sonne färbt den Garden Lake erst pastell Rosa dann dunkel Rot. Im Westen nimmt der Leuchtturm seinen Job auf und sorgt dafür, dass der “Ort jenseits des Wassers” bis auf weiteres nicht für vorbeisegelnde Entdecker zum Verhängnis wird.

© Text und alle Fotos: Julica Jungehülsing

rottosunset

Ein Kommentar zu “Rottnest Island – Quokkas, Karzer und Ferienidyll

  1. Seher
    November 1, 2012

    Warum diente die Insel als Gegängnis ?
    Schreiben sie mir bitte eine mail

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Wie spät …

… ist es eigentlich gerade in Sydney? Die Weltzeituhr gibt Antwort!
Januar 2017
M D M D F S S
« Okt    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  

Archive

contact

mails erreichen mich via julica.j@gmail.com

©opyright jj

Alle Texte und Fotos auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Einverständnis der Autorin verwendet, nachgedruckt oder veröffentlicht werden.

bondibeachwalk