Julica in Bondi

Bondi Beach Stories – Lesen & Entdecken

In Arnhemland

Grüne Moskitonetze wehen in der Abendbrise, zwischen Segeldach und hüfthoher Steinmauer sind sie das einzige, was uns von der Welt da draußen trennt: vom Buschland in Australiens Nordterritorium, dem sternklaren Himmel und den Geräuschen der Nacht. In den Ästen der Eukalyptusbäume landen Fledermäuse, Grillen rasseln, eine Kröte quakt, irgendwo stampfen Hufe durchs Unterholz. Ein wildes Pferd vielleicht, oder ein Wasserbüffel. Hoffentlich bleibt er wo er ist. Der Tag in Bodeidei war aufregend genug, die Reise in die abgelegene Wildnis lang.

Das Zeltcamp Bodeidei liegt mitten in Arnhem Land, der mit gut 92 000 Quadratkilometern größten Region, die Aborigines in Australien wieder selbst verwalten. Zwischen den Mangrovensümpfen im Norden und tropischem Dschungel im Inland erstreckt sich eine Wildnis so groß wie ganz Ungarn, erschlossen von zwei Straßen, bevölkert von kaum 15 000 Menschen. Die wohnen in wenigen weit von einander entfernten Orten mit je ein paar Hundert Einwohnern. Auch hier gibt es Drogen und Alkohol, Satelliten-TV, Handys und Langeweile, Streit und alltägliche Probleme des 21. Jahrhundert. Aber es gibt auch Felsmalereien, die Weiße kaum je gesehen haben, Flusstäler voller Schlangen, Reste einer uralten Kultur und einen schier endlos wirkenden Himmel über weitgehend ungezähmter Natur. Viele Ureinwohner-Familien versuchen hier, ein Stück ihrer alten Traditionen zu erhalten, ihre tiefe Verbundenheit zu Land und Natur nicht ganz zu verlieren. Die meisten Siedlungen in Arnhem Land sind nahe der Küste. Bodeidei hingegen liegt mitten in den lichten Wäldern des Landesinneren, es ist Teil einer Landschaft und Kultur, zu der wir ohne das Camp keinerlei Zugang hätten.

In Katherine holt uns Campgründer François Giner ab. Er grinst, bepackt den geländegängigen Laster und klettert auf den Fahrersitz. “Allez, we go!” Es warten 300 Kilometer Schlaglöcher und Schotterstraßen. Richtung Osten biegen wir vom Stuart Highway ab, durchqueren weite Savannen und Hochebenen, schaukeln vorbei an schroffen Felshängen, die im Abendlicht ockerfarben leuchten. Als wir im Camp an einem Flusstal halten, ist es fast dunkel. Der Schein eines kleinen Lagerfeuers tanzt auf schlanken Baumstämmen. François stellt den Motor aus, es ist unwirklich still. Hier, nahe der kleinen Aborigine Gemeinde Weemol, traf der Franzose Giner vor 20 Jahren die Familie von George und Maggie, war fasziniert von der freien Wildnis, von Kultur und Lebensweisen der Ureinwohner und suchte nach einem Weg länger zu bleiben. Der Dorfältere George erlaubte dem Abenteurer und Berufsnomaden in der Nähe ein Buschcamp aufzubauen.

Giner ist ein braungebrannter 65jähriger, der viel jünger aussieht. Seine Khaki-Shorts wirken selbst nach Stunden auf der Schotterpiste noch frisch gebügelt, unterm Lederhut blitzt eine randlose Brille. “French Crocodile Dundee” nannte ihn eine Journalistin. Und ja, Büffel und Krokodile hat er auch gejagt, vor allem aber arbeitete er in den vergangenen 20 Jahren an seinem Camp: Acht Schlafzelte, heiße Duschen und einen zu allen Seiten offenen Koch-und Esstrakt baute er eigenhändig aus Naturstein, Holz und Zeltbahnen. Ein Quartier für die trockenen Monate im Jahr, das er jeden  Oktober wieder einpackt, damit es in den sintflutartigen Güssen der Regenzeit nicht davonschwimmt. 20 Jahre lang hat Giner außerdem seine Freundschaft zu den Nachbarn in Weemol vertieft. Er lernte George und seine verzweigte Familie immer besser kennen. Die beiden Männer wurden Freunde. Eines Tages gab George ihm seinen Stammesnamen “Balang”, die höchste Auszeichnung, die ein Aborigine einem “white fella” erweisen kann. Er teilte viele seiner Erfahrungen mit Giner, und erlaubte ihm im Laufe der Jahre tiefe Einblicke in seine Kultur. Und davon profitieren heute die Besucher. In Bodeidei gibt es weder inszenierte Tanzvorführungen noch Korbflechten, vielmehr ein zwangloses Miteinander von Weißen und Schwarzen. Die Besucher sehen Musikinstrumente die George einst bemalt hat, können Fragen stellen über Bilder der jüngeren Verwandten, sie lernen etwas über die Realitäten des Lebens im Busch, ebenso wie über die Probleme der Ureinwohner im heutigen Australien. Statt künstlicher Darbietungen gibt es Gelegenheit zu Gesprächen, zur Jagd und zu gemeinsamen Ausflügen. 

Am Morgen brechen wir zum “Swimming Pool” auf, einem Wasserloch nahe einer Schlucht mit Felszeichnungen. Unterwegs springen fünf von Georges Enkeln in die Geländewagen. Zwei Mädchen in Eminem-T-Shirts nehmen die Kleineren auf die Knie. Einer von Georges Söhnen hält vom Vordersitz aus Ausschau nach Büffeln, er zeigt uns die Spuren der Tiere am See. Wir steigen aus. Kurz darauf taucht einer der schwarzbraunen Kolosse am anderen Ufer auf, schiebt sich aus dem Wasser und stapft gemächlich davon. Der Fahrtwind lindert die Hitze, hinter uns zieht sich eine rote Staubwolke durchs lichte Buschland. Vor einer Fluss-Durchquerung klettern Kinder und Teenager aus dem offenen Transporter. Sie verstecken sich hinter mannshohen Termitenhügeln, klettern auf die Bäume und ziehen harzigen Honig, aus den Astgabeln: “Busch-Kaugummi” kichern sie und lassen uns die klebrig würzigen Naturlollies probieren. Im Gegenzug teilen wir unsere Müsliriegel.

Gumtrees

Gumtrees © J. Jungehülsing

Die letzten Kilometer gehen wir zu Fuß, folgen einem Trampelpfad in ein stilles, sonnenheißes Tal. Immer wieder kreuzen wir einen seichten Bach, der endlich am Badeloch unter einem Wasserfall endet. Auf den Steinen sonnen sich samtige Echsen, das Wasser funkelt. Die Kinder springen johlend in die Felsbecken, die Besucher machen es nach. Krokodile? Laut François ist sein “Schwimmbad” reptilfrei, wir glauben ihm und kühlen unsere heißen Körper im wieder auf Normaltemperatur. Auf dem langen Rückweg ins Camp wirft Giner kleine “Brandbomben” aus dem Wagen. Er zündet Gräser und Steppe hinter uns an und legt Mini-Buschfeuer, die größere Brände verhindern sollen und kontrollieren helfen. “So weit jenseits der freiwilligen Feuerwehr”, grinst er verschmitzt, “ist jeder sein eigener Katastrophenschutz. Allez, we go!” Nichts wie weg. Feuer und Rauchschwaden machen die Luft noch ein paar Grade heißer.

Im Camp ist der Tisch fürs Abendessen gedeckt, eine lange Tafel im luftigen Hauptzelt, dekoriert mit Didgeridoos, die hier Molos heißen, Bildern auf Baumrinde, kunstvollen Körben und Zeichnungen von Echsen und Schlangen. Dazwischen hängen Fotos, die an die Anfänge des Camps erinnern. Es gibt Büffel-Lasagne, Wein und frischen Salat.

Der Hausherr erzählt von den Versuchen seiner Freunde, ein Stück ihrer alten Kultur in die Gegenwart zu retten und an die Jüngeren weiterzugeben. François unterstützt sie dabei, eine schwere Aufgabe, denn Krankheiten, Alkohol, Drogen und andere “Mitbringsel” der Weißen haben auch tief im Busch ihre Spuren hinterlassen. Nur noch wenige Alte sind ganz mit den Traditionen der Vorfahren vertraut.

Ein paar der Kinder sind nicht nach Hause gegangen, sie schlafen, eingerollt auf der Rückbank des Jeeps. Wir fahren sie zurück ins Dorf Weemol, ein Duzend Häuser zwischen dürren Bäumen und alten Toyotas. Auf einer Veranda sitzt Giners Freund George, er ist inzwischen über 70 und spürt sein Alter. Als Teenager sah er ‘seinen ersten Weißen’, heute ist er einer der letzten, der noch die Sprache seines Stammes beherrscht. George winkt zum Abschied, im Dunkel der Nacht kehren wir ins Camp zurück.

En Terre Aborigène

En Terre Aborigène

Buchung und Info: Bodeidei Camp, Arnhem Land, Northern Territory, Tel. 0061 8-8975 4466, Touren dauern drei bis vier Tage inklusive Verpflegung und Transfer ab Katherine.

Buchen kann man Campaufenthalte auch über Aboriginal Australia

Buchtipp:

François Giner, der Gründer von Bodeidei, hat über seine Eindrücke und Erfahrungen in Arnhemland ein beeindruckendes Buch geschrieben. Es erschien im März 2007 auf Französisch: “En terre aborigène”, Albin Michel, 2007, 19,50 €

Im März 2010 war endlich die Übersetzung fertig, und François Giners Buch wurde in Australien endlich auch auf Englisch veröffentlicht! Es erschien bei Longueville Publishing in Sydney und kostet 34.95 $.

Es ist eine garantiert spannende Lektüre mit vielen Blicken hinter die Kulissen, jenseits von Klischees und Folklore. Es ist online auch bestellbar  bei PanMacmillan.

Aktuell:

Im Mai 2010 erschien von mir  eine neuere, längere Reportage über das Bodeidei Camp in Arnhemland. „Ureinwohner – Begegnungen im Busch“ wurde in der Australien-Reisebeilage des deutschen National Geographic veröffentlicht.

 

Update 2012

Im Winter 2012 konnte François Giner das Camp nicht wieder öffnen, da das Northern Land Council beschlossen hatte, seine Abgaben derart zu erhöhen, dass er es nicht mehr finanzieren konnte. Nach 22 Jahren in Arnhemland musste er zusammen packen. Von Bodeidei bleibt nur noch die Erinnerung.

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